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Dienstag, 26. August 2008

Klingeling

Nachdem ich das letzte Mal so ausführlich über Kriminalität geschrieben habe möchte ich es diesmal mit dem Gegenteil davon versuchen, der Verhindereung von Straftaten. Wahre Helden sind da zu Gange, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. So auch ich.

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Ich wurde als "Housesitter" engagiert, das heisst, ich wohne in dem Haus eines wohlhabenden und behalte die Angestellte/n im Auge - und sie mich - auf das nichts wegkommt. So macht man das hier, wenn man fuer laengere Zeit verreist ist. Und es ist DER Job fuer mich. Den ganzen Tag rumhaengen und das Haus hueten, durch meine pure Anwesenheit. Ein bisschen anstrengend ist es morgens, wenn ich der Angestellten den Einkaufszettel diktiere und ihr sage, wann sie was kochen soll. Und welche Marmelade cih aufs Brot moechte. Selbstverständlich wurde mir genuegend Geld da gelassen, dass ich dafuer nicht selbst aufkommen muss. Trotzdem: stress pur!

Aber dafuer haben mir die netten Leute ja ihre Gloeckchen dagelassen, eine auf dem Tisch und eine am Kamin. Einmal "Klingeling" und die gute Frau ist da. Um mir meine Zigarette anzuzuenden, zum Beispiel.

OK, ganz ehrlich, ich brings nicht. Ich kann mit einer Hausangestellten nicht umgehen, ist mir peinlich. Ihr auch, sie hat sich auf jeden fall geweigert sich zu mir und cyril (ich teile mir den job mit ihm, schließlich muss ich auch in der redaktion schuften) an den tisch zu setzen und mitzuessen. Mh. und meine Klamotten hat sie auch ungefragt gewaschen. wirklich ungefragt. Ich scheine nicht die Hosen anzuhaben, in diesem Haushalt. WAS SOLL ICH TUN? Der Job ueberfordert mich!

P.S.: Leider liegt im Moment das Internet in diesem Land so dermaßen am Boden, dass es unmöglich ist, Bilder hochzuladen. Das hat nichts mit dem Streik zu tun.

P.P.S.: Ich habe jemanden gefunden, der mit mir Pokemon-Karten tauscht. Ist der letzte Schrei hier. Aber keiner mag Pummeluff. Ausserdem heisst der hier Jiglipov.



P.P.P.S.: Neuigkeiten von meinem Lieblingsdespoten König Mswati III.

König von Swasiland lässt 50.000 Jungfrauen Schilf schneiden

Ngabezweni (AFP) - Auf Befehl des Königs von Swasiland haben am Donnerstag 50.000 Jungfrauen mit der Schilfernte begonnen. Die Pflanzen brauchen sie für den traditionellen Schilftanz, den sie am Montag barbusig vor dem Palast des letzten absolutistischen Herrschers in Afrika aufführen werden. Die Tanzzeremonie soll in diesem Jahr besonders prunkvoll ausfallen und die Feierlichkeiten zum Doppel-Jubiläum einleiten: Am 6. September feiert König Mswati III. seinen 40. Geburtstag und genau so lang ist das kleine Land im Süden Afrikas von Grossbritannien unabhängig.


Ich nenne das einseitige Berichterstattung. Die Meldung vergisst, dass der König dieses Jahr wünscht, dass die Jungfrauen ihr Gesäß verbergen. Ausserdem ist der Schilftanz die einzige Möglichkeit, die Jungfräulichkeit einer Frau nachzuweißen. Nach dem Tanz legen die Mädels die leicht zerbrechlichen Schilfrohre vor dem König aus - ist der Stab zerbrochen, helfen auch die "Jungfrauentester" nichts, die vor der Zeremonie die Prüfung abnehmen.

Übrigens ist Mswati endlich wieder verlobt, nachdem er bereits 2005 seine 11. Frau geheiratet hatte. Sein Vater brachte es ja noch auf ganze 100 Ehen.

Dienstag, 19. August 2008

Eröffnungsfeier

Lange, lange, beinahe jeden Tag wurde bald alles anders. Bald. Paraguay hat vor 4 Monaten (hier wurde darüber berichtet) einen neuen Präsidenten gewählt. Einen von der eher linken Seite. Endlich sollte alles anders werden, bald. Der Wechsel stand bevor, für vier Monate. Zuletzt war es beinahe unmöglich in öffentlichen Ämtern etwas zu ergattern, alles war gesteckt voll und jeder wollte noch einmal seine Kontakte ausnützen, um eine Zulassung, einen Schein oder sonst etwas zu bekommen.

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schönes Bild von Daniela: Lugo und Chavez singen

Jetzt ist er da, der Wechsel. Lugo ist Präsident, er hat geschworen, die nächsten 5 Jahre dem Land treu zu dienen. Allerlei Prominenz aus Südamerika, aber auch aus Taiwan, Iran und dem Senegal war angereist, um Zeuge zu sein. Lugo wird wie ein Messias gefeiert und muss alte Rituale wie eine Militärparade über sich ergehen lassen. Dabei nahm er seinen Defilierstab, den er als neuer Oberbefahlshaber bakam in die Hand, und verglich dessen länge mit dem Stab des obersten Generals Paraguays. Mit dem Oberbefehl ist das naemlich so eine Sache. Schließlich will Lugo jetzt, da er schon mal Präsident ist, das auch bleiben. Einer seiner Vorgänger wurde vor nicht einmal 10 Jahren erschossen, auf offener Straße. Das Militär soll dahinter gesteckt haben - da macht man sich schon seine Gedanken.

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Ich hatte auf jeden Fall meinen Spaß, musste mich zwar mit Chavez' Gorillas prügeln, aber schön wars. Zudem bin ich an dem Wochenende aus der Pension ausgezogen, Cyril kennt einen Franzosen, der ein wunderbares Anwesen besitzt und für einen Monat nach Frankreich fährt. Und dafür jemanden braucht, der auf sein Haus aufpasst. Seine Angestellte will er nicht allein lassen, nicht dass die die ganze Diebesbande reinlässt.

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So unrecht hat er damit wohl gar nicht. Ohne Paraguay dämonisieren zu wollen, haben wir aus aktuellem Anlaß mal die Straftaten in unserer nächsten Umgebung zusammengezählt, die sich während meiner Anwesenheit ereigneten. Der 1,96 Meter große Praktikant der Deutschen Handelskammer wurde naemlich vor kurzem überfallen. Ein Motorrad hielt neben ihm, ein Typ hält ihm eine Knarre an den Kopf und fordert das Handy, das der unter diesen Umständen natürlich bereitwillig herausgibt.

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Und sonst? Haus vom Chef ausgeräumt und alles, inklusive Auto mitgenommen. Ins Haus von einem älteren Kollegen eingebrochen und ausgeräumt, dessen Geldbeutel im Bus geklaut. Geldbeutel und Handy einer anderen Kollegin im Bus geklaut, Tasche eines weiteren Kollegen aufgeschnitten, Handy eines Freundes geklaut. Mir zwei Mal ein Handy geklaut und einmal den Pulli, den jedoch in Bolivien. Darüberhinaus wurde noch zwei Mal in der Pension eingebrochen. Computer, Foto und MP3-Player einer Kollegin weg, spaeter die Kirchenkasse, die eine Angestellte verwaltet.

Soviel dazu, alles natuerlich aus erster Hand, es gibt leider noch viel mehr zu erzählen, so ist das nicht. Jetzt wohne ich aber erstmal mit zwei jungen Hunden, zusammen, die mich beschuetzen werden. Zwei Kollegen, Danni und Rene, bieten mir für die Übergangszeit ein Dach über dem Kopf. Beim dem Franzosen kann ich erst naechste Woche einziehen.

Wer auf Militärparaden, Bolivien oder südamerikanische Staatspräsidenten steht, wird übrigens wieder hier fündig

Außerdem gibt es jetzt eine Rubrik "Runschau-Artikel", die, wie der Name suggeriert, einige ausgewählte Artikel aus Paraguay beeinhaltet.

P.S.: Da ich jetzt ein Bild vom Star habe, der im Hause Beitzel/Liesenfeld das Licht der Welt erblickte, ist der Streik natuerlich offiziell beendet.

Donnerstag, 14. August 2008

Notnagel

Na so kann es ja nicht weitergehen. Der Streik wird zwar nicht beendet (schließlich habe ich KEIN EINZIGES bild bekommen!!!!), aber es hat sich ein mieser Streikbrecher gefunden, der zumindest das Notprogramm aufrecht erhält. Auch deshalb wird bei diesem Beitrag vor allem auf die Kraft des Bildes gesetzt werden und der Text im Hintergrund bleiben.

Nach 40 Stunden Busfahrt finde ich mich mit einem Durchfall der sich gewaschen hat und mich wohl auf allen Reisen begleitet (und ich irgendwie gerne darüber spreche) in 3600 Metern Höhe in La Laz wieder. Jänner oder der liebe Gott, so genau kann man das nicht auseinderhalten, weisen mich darauf hin, dass wir mit dem Fahrrad die „Death Road“ bezwingen werden.

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Blick aus Nelson Portugals Hotel Matsu auf die "Death Road"

Ich überschätze wie auch alle anderen meine Fähigkeiten im Downhill. Nicht nur, dass wir alle anderen inklusive unseren Guide überholen, wir kommen mittags und Stunden vor allen anderen am Ziel an. Ich bin nur einmal gestürzt und 4 Mal fast gestorben. Es folgt Langeweile und Bier.

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Zum Glück landen wir bei Nelson Portugal. Der wohl entspannteste Typ der Welt hat in seinem ewig unfertigem Hotel den besten Ausblick der Welt zu bieten. Es folgt Bier. Auch kann Nelson uns aus seinem unglaublichen Erfahrungsschatz eine Karte des Choro-Trekks zur Verfügung stellen. Er malt sie uns auf. Unglücklicherweise wird mir mein einziger warmer Pullover geklaut, ich marschiere von da an mit Jänners und friere still vor mich hin.

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Tatsächlich erweist sich dessen Karte als wesentlich brauchbarer als die Karte des Lonly Planets, unserem Trekking-Führer. Die Typen sind den Trek sicher niemals selbst abgegangen! Unbrauchbar ist auch der geliehene Gaskocher, weswegen ich (Tom und Jänner glaube ich auch) zum ersten Mal darauf angewiesen sind, uns mit Feuer zu bekochen. Ohne Papier zum anzünden, ohne funktionierendes Feuerzeug. Großes Kino. Danach wunderbar in die Berge gekackt.

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Zum Frühstück sollte es dann nicht nochmal Feuer geben, schließlich hatte es in der Nacht zuvor noch geregnet, was uns um 7(!!!!!!) ins Zelt zum schlafen getrieben hat. Kaffee gabs dann weiter unten von einer alten Frau, die irgendeinen Tod zu beklagen hatte. Sie haben den Leichnam an unserem
Frühstückstisch aufgebahrt. Klasse, das.

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Trotzdem super gewandert noch, zurück in La Paz sollte der Erfolg im Anschluß an eine Fahrrt im engsten Bus der Welt dann begossen werden. Ging leider nicht, wegen der Abstimmung über die Autonomie war Alkoholverbot. Frech, das. Haben uns daher spontan Tickets für eine Reise in die Salzwüste gekauft. Als wir im Bus saßen, wurden wir wieder rausgeschmissen, ein offizieller macht ne Kralle um das Rad und verbietet die Stadt zu verlassen. Klasse, eingesperrt mit Tom und J, und das ganze ohne Alkohol.

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Zum ersten Mal auf fast 5000 Metern Höhe

Die beiden sind dann allein gefahren, ich auf den 48-Stunden Trip zurück nach Asuncion. Nach mehrmaligem Durchsuchen meiner Taschen fehlt mir nun mein Handy.... Die Polizei dein Freund und Helfer. Wenigstens ging es mir nicht so wie einem Ami, der mitten im Nirgendwo den Bus verlassen musste, weil er kein gültiges Visum hat. Mich würde echt interessieren, was aus ihm geworden ist.... echt bitter. So ganz allein in der Wildniss....

Ich auf jeden Fall wieder „zu Hause“ in Asuncion, mit einem Durchfall, der sich gewaschen hat. Das Bus-Essen werde ich in Zukunft ablehnen. Aber jetzt nicht verzagen, der neue Präsi wird eingeführt, und alles was in Lateinamerika Rang und Namen hat, kommt. Wird ganz groß morgen.

Bilder gibts wie immer hier

Mittwoch, 30. Juli 2008

Bildersturm

Da mir immer noch Bilder von Geburten, Hochzeiten und Ähnlichem fehlen werde ich diesmal AUS PROTEST keines einstellen hier. Ich streike hiermit. Will ich auch mal machen, hatte ich noch nie. Dabei haette ich allen Grund. Seit nunmehr 2 monaten hat mein chef kein Geld mehr, um mich auf reisen zu schicken. Nach Buenos Aires musste ich selbst bezahlen. aber es gab ja auch einiges spannendes in Asuncion.

Trotzdem machen Büro, Stadt und Computer bei dem Wetter einfach wenig Spass. Deshalb habe ich mich entschlossen, mein restliches Geld zusammen zu werfen und nach Bolivien zu fahren. Werde nach gemuetlichen 35 Stunden im Bus La Paz erreichen und den Jaenner und den Tom treffen. Zusammen wollen wir dann ein bisschen Trekken und was halt sonst noch so dazugehoert. Irgendwann (mindestens eine woche will ich schon wegbleiben) gehts dann ueber Santa Cruz und dem Salzsee zurueck nach Hause.

Denn dort warten dann schon Hermann und der Lugo, der zum Präsi geschlagen werden soll. Da gibts gerade noch ein bisschen Aerger drum, weil seine Minister sich kloppen und er in Nicaragua Rebellen besucht haben soll. Die Amis und damit auch die Deutschen wenden sich von ihm ab - keine gute Ausgangsposition, wie die Geschichte lehrt...

Ich freue mich trotzdem erstmal auf den Trip und hoffe in bälde wunderbare Fotos aus Deutschland zu bekommen - machts gut!

P.S.: Ich faende auch Fotos von irgendjemandem gut, habe hier kaum welche....

P.P.S.: Und das nehme ich gleich als Anlass, mich fuer euere Freundschaft zu bedanken und einen glücklichen Tag der Freundschaft zu wuenschen. der wird naemlich heute in Paraguay begangen.

Donnerstag, 24. Juli 2008

Finger verbrannt

Wieder mal eine Statistik, wiedermal findet sich Paraguay auf dem letzten Platz wieder. Oder doch auf dem ersten? Die Hauptstadt Asunción gilt naemlich einer neuen Studie zufolge als billigste Stadt weltweit, Platz 143. Juhuuu! Leider merke ich davon gerade recht wenig, der Euro stürzt hier ein wenig ein. Aber stimmt schon, ist wirklich wirklich günstig. Eine Schachtel Zigaretten für 30 Cent und so weiter und so fort. Allen voran Essen ist extrem billig. So billig kann ich nicht einmal kochen. Wirklich!

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Vor Kurzem habe ich mich dann doch einmal aufgerafft. Dabei kamen zwei Dinge zusammen. Erstens, endlich mal wieder auf das allgegenwärtige Fleisch verzichten. Zweitens, Quark im Supermarkt gefunden. Ja Quark, das versuche mal zu finden. gibt’s ein englisches Wort dafür? Im Spanischen heisst es requeson, fällt mir aber nie ein, wenn ich danach suche. Auf jeden Fall Quark. Mit Kartoffeln, Butter dazu und etwas Tomaten. Herrlich, fleischlos.

Als ich mich nach einer Partie PingPong, bei der ich Arnaldo übrigens vernichtend geschlagen habe, ans Kochen mache, zieht ueber dem Nachbarhaus ein Gewitter zusammen. Naja, wollte ja sowieso nicht mehr raus heute, und die Hitze muss weg. Heute wird gekocht. Sprachs und sah sich im Dunkeln stehen. Stromausfall. Im ganzen Viertel. Das soll mir aber meine Kartoffel nicht verderben. Dachte ich.

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War aber nicht so. Bin nämlich ein verwöhntes und vom Leben entfremdetes Großstadtkind inzwischen. Eine Kerze beschert mir zwar flackerndes Licht, muss aber bei jedem Luftzug neu angezündet werden. Was zur Folge hat, dass ich mir beim Schneiden der Tomaten nicht auf die Finger schauen kann, was wiederum zu schmerzhaften Schnittverletzungen führt. Aber was ich nicht sehe ist nicht passiert, ich bin hart im nehmen und mache weiter. Schließlich habe ich mit dem Gasherd ein ansehnliches Mal gezaubert. Bei näherem Hinsehen im Kerzenschein bemerke ich jedoch die rote Flüssigkeit auf Tomaten, Kartoffeln und der Butter. Blut! Mein Blut! Auch auf dem Küchentisch und dem Herd und der Ablage und überall. Dazu blitzt und donnert es wie verrückt. Regen peitscht an die Fenster. Im Kerzenschein rinnt Blut den Tisch hinab. Großes Kino, Essen kannste aber vergessen.

Und die Moral von der Geschicht? Billig ist nicht gleich besser. Ohne Strom geht gar nichts mehr. Auf Essen verzichtet, dafür Gute-Nacht-Krimi im Fernsehen/Buch gespart. Nicht wirklich. Ohne Moral.

Donnerstag, 17. Juli 2008

Paraguay manda!

Hildegard hat eine Freundin, die Lacto-Veganerin Carmen. Und ich bin vergessen. So mir nichts dir nichts von heute auf morgen. Abgesägt. Aus, vorbei. Sie frühstückt jetzt mit Carmen, ob mich das störe. Nee. Schon gut.

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Sich den Kotflügel dreckig machen

Carmen passt auch einfach besser zu Hildegard, das muss ich zugeben. Carmen stört alles an dem Land, zu laut, zu schmutzig und so weiter. Hilde kann ihr da nur beipflichten. Ich nicht. Bin naemlich jetzt überzeugter Paraguayer. Ja, es hat mich fast mit Stolz erfüllt, dass die Flüge nach und von Buenos Aires eine Stunde später abhoben. Ohne dass es jemanden gestört hätte. Ohne dass jemand auch nur ein Wort darüber verloren hätte. „Hora Paraguaya“ eben. „Esperar“ heißt „hoffen“ und „warten“. Das gehört hier zusammen, auf jeden Fall. Und ja, ich war stolz, dass ich als Paraguay-Reisender auch mit dem Desinfektionsmittel im Flugzeug besprüht wurde. Ja, die Stewardess blieb vor mir stehen und hat mir ne extra-Dosis verpasst. Ich hab den ganzen Flug verschlafen. Aber zum Paraguayer-sein gehört natürlich viel mehr als nur das.

Bin am Wochenende zusammen mit Uwe und seiner Frau zu dem Leuten am Müllberg gefahren, die spielen dort mit Kindern Fußball. Das war wirklich der ärmste und gefühlt gefährlichste Ort, den ich jemals betreten habe. Wirklich. Aber es war natürlich toll, so hautnah dabei zu sein. Hatte auch bald eine riesige Schar Kinder um mich (Keine Angst, die mussten ihre Messer vor dem Betreten des Platzes ablegen) und habe ihre Namen geschrieben, die sie mir zuriefen. Dachte ich bin eine richtig große Nummer, bis ich bemerkte, dass einer dieser Rabauken damit beschäftigt war, meine Tasche auszuräumen. ROTE KARTE!!! Nun gut, alles wieder da.

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Demo gegen Fascho-Profs

Schlimme ist, dass der deutsche, mit dem ich dort war, eben ein typischer Deutsch-Paraguayer ist. Immer nur die halbe Wahrheit erzählen und das dann auch nicht richtig. Als ich über ihn schreiben wollte, fiel mir auf, dass er wegen Anlagenbetruges sowohl in Deutschland als auch in Paraguay gesucht wird. Who cares? Mit Verlaub, ich glaube langsam, es gibt hier wirklich wirklich keinen Deutschen ohen dunkle Vergangenheit.

Aber macht ja nichts, das Land hat ja auch eine dunkle Vergangenheit, die Stroessner-Diktatur. Inzwischen tut sich aber etwas Licht am Ende des Tunnels auf, Studenten solidarisieren sich gegen einen neuen Uni-Rektor, der mächtig Dreck am Stroessner-Stecken hat. Und es soll auch andere treffen. Martin Almada, meine Magister-Mentor, versucht den ein oder anderen dran zu kriegen. Nicht allzu leicht bei den Machtverhältnissen in Paraguay. Er wurde dafür zum Psychiater geschickt und vor Gericht gezerrt. Das Folteropfer wird vom Folterknecht auf Wiedergutmachung verklagt – Paraguay. Wie Hermann so schön sagt: „Schlimmer als jede Bananenrepublik.“ Deshalb entrüstete sich auch Staatspräsident Nicanor. Ihm hatte eine Studie bescheinigt, der korrupteste Staatenlenker zu sein. Er meint dazu: „Soooo korrupt bin ich auch nicht.“ Danke. Aber korrupt genug, dass Deutschland nun seine Entwicklungshilfe einstellen will. Weil nichts ankäme, hat Thilo Hoppe (Grüne), Vorsitzender des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit im „Aktuelle-Rundschau“-Interview gesagt. Dass der Teufel in einem anderen Detail steckt, muss gar nicht erklärt werden. Und ein paar Millionen hungernder Menschen mehr kümmert ja auch nicht wirklich.... Meine Entrüstung konnte er nachvollziehen, aber helfen wird’s wohl nichts.

Vielleicht mache ich doch lieber bei Carmen und Hildegard mit. Die beiden stellen jetzt eine Tierhilfe auf die Beine, mit ihrem Geld aus Deutschland. Das Geld kommt an, und die kleinen Miezekätzchen sind sicher dankbar - und sicher nicht korrupt.

P.S.: Nach drei Monaten im Zoll ist das Paket mit meinem Computer da!!! Ich fasse es kaum! Juhuuu! Musik satt, und Berlin-Bilder. Habe davon auch einige online-gestellt, und natürlich ganz viele neue aus Paraguay!

P.P.S.: Vor einer Woche fiel das Internet in der Pension aus, meine Prophezeiung, dass mein Computer nun käme, hat sich also voll bewahrheitet. Wird aber repariert. Mañana. Versprochen.

Mittwoch, 9. Juli 2008

Liebe Hildegard,

vier Wochen sind es nun schon her, seitdem wir uns kennen lernten. Ich kann mich noch an jedes Detail unserer ersten Begegnung erinnern, wie als wenn es gestern gewesen wäre. Ich stolperte damals spät nachts oder früh morgens in die Pension. Du hast auf einem Stuhl in der Ecke gesessen, und mich gefragt, wie das Telefon funktioniert. Ich habe dir von meinem Abend und den Bierpreisen in Asuncion erzählt, wir haben lange gequatscht. Ich habe erzählt und erzählt. Es war ein gutes Gespräch. Dass ich eingeschlafen bin, hat sicher nicht an dir gelegen.

Trotzdem hast du es mir übel genommen. Als du ein paar Stunden später mit Rafaela an mir vorbei liefst, hast du sie gefragt: „Wer ist denn DER da?!“ Du dachtest ich höre es nicht. Es war hart für mich zu erfahren, dass du mich so schnell vergessen hattest. Dabei war ich es doch, der dich von Anfang an verstand.

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Als du den Angestellten der Pension beibringen wolltest, wie man einen Haushalt zu führen hätte, ohne selbst ein Wort Spanisch zu sprechen - ich habe es verstanden. Als du dir einen paraguayischen Email-Account zulegen wolltest, weil dein Computer und dein E-mailprogramm in Deutschland sind – ich verstand. Als du, liebe Hildegard, von einer Polizeiwache aus angerufen hast, weil du frei laufende Pferde auf der Straße gesehen hattest und dich sofort auf eine Wachtmeister stürztest, der jedoch kein Deutsch sprach, und dich daraufhin mitnahm, aufs Revier, wo aber auch keiner verstand, was du wolltest, und du deshalb in der Pension anriefst – Hildegard, ich hatte es verstanden.

Ich habe bald begriffen, dass da mehr zwischen uns ist, Hildegard. Als du mir beim Kochen den Löffel wegnahmst, mit dem ich meine Nudeln zubereitete, und mir sagtest, ich solle doch einen ordentlichen Löffel nehmen, da habe ich verstanden. Du hast in der ganzen Küche einen Kochlöffel für mich gesucht, „weil man das eben damit macht“, die ersten beiden, die du gefunden hattest, hast zu zerbrochen und weggeschmissen, weil sie „schmutzig und ekelig“ waren. Nur das Beste ist gut genug für dich, Hildegard. Du bist einfach sensibel Wenn ich am Wochenende mitten in der Nacht zu meinem Zimmer wanke, und versuche, kein Geräusch zu machen, und du dann mit einem „HALLOOOO MICHAEL!!!!“ deine Zimmertür aufreißt, weil du nicht schlafen konntest und dich unterhalten möchtest, dann fühle ich mich an unsere erste Begegnung erinnert. DESHALB fasse ich mir dann immer ans Herz.

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Wenn du dann morgens immer mit mir frühstückst, „weil du nicht gern allein frühstückst, und deshalb auch gerne mal etwas früher aufstehst“, dann beginnt mein Tag mit heller Freude. Auch weil du mir, selbst wenn ich intensiv betone, morgens nur Marmelade und Honig zu mir nehmen, immer etwas Käse und Wurst auf meinen Teller legst, „damit ich mal etwas ordentliches esse“.

Aber in letzter Zeit, verehrte Hildegard, scheint mir, dass der Pepp in unserer Beziehung fehlt. Ich merke genau, dass du dich unruhig umguckst und lange die Decke anstarrst, wenn du dich neben mich vor den Fernseher setzt. Wenn du mich dann ansprichst, „dass du zu Hause auch manchmal die Füße auf den Tisch legst“ und es mir gleich tust, dir aber ein Kissen unterlegst, „weil es sonst doch weh tut“. Und mich dann fünf Minuten später fragst, ob ich nicht auch ein Kissen möchte, und mir, trotz des Kopfschüttelns, dann doch etwas unter meine Füße legst. Und dann, nach einer Weile des vor sich hin Starrens und die Decke Absuchens du mich nach der Handlung des Films fragst, dann liebe Hildegart, dann merke ich, dass wir uns auseinander gelebt haben.

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Mehr Fotos von der Stadt der Himmelfahrt gibts hier

Deshalb muss ich dir sagen, dass die Überstunden, die ich machte, keine Überstunden waren. Ich bin nach der Arbeit in eine andere Pension gegangen, dort wohnen einige französische Praktikanten. Und ja, ich habe mit ihnen zu Abend gegessen. Ich habe gefragt, ob ich auch dort frühstücken kann, das lehnten sie jedoch ab. Ich sollte meine Dinge zu Hause klären, haben sie mir gesagt. Deshalb schreibe ich dir diesen Brief. Ich hoffe, du verstehst. Ich tue es schon lange nicht mehr.

Dein "Michele"

Mittwoch, 2. Juli 2008

Kurztrip nach Europa

Nein nein, ich bin weder wegen der anstehenden "Hochzeit des Jahres" und dem dazugehörigen Jungesellenabschied noch wegen Iljas (damit bin ich wohl der erste, der den Namen veröffentlicht und hoffe, dass es keinen Übermittlungsfehler gab) zurückgekehrt. Obwohl gerade wegen zweiterer Sache herzliche Glückwünsche meinerseits an die stolzen Eltern Nina und Dick auszusprechen sind.

Buenos-Aires

Ich war auch gar nicht in Deutschland, sondern in Italien. Und London, und Spanien. Und irgendwie auch in Lateinamerika, denn Tango gab es überall und immer. (Das war das erste Mal, dass ich wirklich wirklich bereut habe, niemals einen Tanzkurs besucht zu haben und in dieser Hinsicht sowieso völlig unbegabt bin. Schnief.) Und ich habe mich verliebt, ja ja, verliebt. Ich muss wirklich sagen, dass mich Buenos Aires gewaltig von den Socken gehauen hat.

Und das lag nicht nur an den ersten beiden Nächten, in denen ich mich von Vladi verabschiedet habe. Gut, die hattens in sich, der Typ ist auch anerkanntermaßen verrückt. Oder wer würde sich mit seiner Kreditkarte in einer Disse einen 800-Dollar-Champagner kaufen, um damit auf dem Tisch zu tanzen und die Leute zu begiessen? Um von den nicht Jugendfreien Sachen mal abzusehen...

corrientes

Nein, das war es nicht, was mich von den Socken haute. Es war eher die gute Stunde Flug aus dem doch etwas schmutzigen und staubigen Asunción in die Großstadt Buenos Aires. Mit ihrer italienisch-spanischen Architektur, deren Einwohner wohl hipper gekleidet sind als Londoner. BsAs kann auf jeden Fall mit jeder europäischen Metropole mithalten, der Flomarkt mit dem in Camden, Palermo mit Friedrichshain-Kreuzberg, San Telmo mit Prag.

Allerdings muss man dabei ein Auge zudrücken und im Zentrum bleiben. Denn nicht alle der über 10 Millionen Einwohner leben wie Römer. Verlässt man das Zentrum, fühlt man sich schnell an "Stadt der Engel" erinnert. Und bis auf den Tango sind die Leute nicht lateinamerikanisch. Kühl bis unfreundlich und sogar hochnäsig - eben großstädtisch. Das zeigt sch am Besten in der Werbung der größten Zeitung "La Razon": Die wird nämlich auf einem Plakat von den Conquistatores gelesen, als sie auf Indianer stoßen.

La-Boca

Denn die Argentinier fühlen sich nicht als Südamerikaner, haben mit "den Indianern" nichts gemein, sondern stammen, anders als der Rest des Kontinents, direkt von den Europäern ab. Sagen sie. Aber fühlen sich nicht so. Spätestens seit den Unruhen vor ein paar Jahren und dem beinahe-Zusammenbruch der Wirtschaft fühlen sie sich als Europäer zweiter Klasse. Nicht schön. Trotzdem schöne Stadt.

Die auf spanische Art durchgefeierte Nacht, der Cortado zum Wachwerden im Café, unzählige Bücherläden, in denen man Stunden verbringen kann, dazu einmalige Flomärkte und Architektur - gebündeltes Städtereisenfeeling in Südamerika und fast eine Reise nach Europa. Aber nur fast, denn das Wichtigste auf dem alten Kontinent habe ich bekanntermaßen ja nicht gesehen.

Einen Stadtrundgang gibt es hier.

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